Pfarrer lebte in Bern eine Woche auf der Strasse

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«Brauche Geld für Bier», steht auf dem Kartonschild des Obdachlosen geschrieben. Ganz schön frech, wird sich der eine oder andere Passant in der Berner Innenstadt gedacht haben. Was aber niemand weiss: Der Mann, der hier bettelt, ist gar kein richtiger Obdachloser. Er gehört zu einer Gruppe Freiwilliger, die diese Woche in Bern auf der Strasse gelebt haben – ohne Geld, Telefon, Schlafsack oder Gepäck. Die Idee zum Projekt «Street Retreat» hatte der St.Galler Pfarrer Patrick Schwarzenbach.
Politiker nicht begeistert
«Beim Projekt ging es darum, eine Woche weg aus seiner gewohnten Umgebung zu sein», sagt der evangelisch-reformierte Pfarrer. Schwierige Situationen auszuhalten und an seine Grenzen zu stossen, gehöre bei dem Unterfangen dazu, sagt der 29-Jährige: «Mit dem Projekt sollten die Teilnehmer einen Perspektivenwechsel erfahren.» Und warum hat die Gruppe für ihr Projekt Bern ausgewählt?
«Ich wollte vermeiden, dass die Teilnehmer in dieser Woche von Freunden und Bekannten erkannt werden», begründet Schwarzenbach seinen Entscheid. Und weil niemand der Gruppe aus Bern stammt, fiel die Wahl auf die Hauptstadt. Wenig Freude daran hatten im Vorfeld diverse Berner Stadträte. Besonders Schwarzenbachs Idee, in Notschlafstellen zu übernachten, kam nicht gut an. Die Betten der Notschlafstellen seien eigentlich für Bedürftige reserviert, war der Tenor der Politiker.
Der Pfarrer verstand den Vorwurf, schliesslich wollte er «keinem Obdachlosen den Schlafplatz abspenstig machen». Also disponierte er um. Tagsüber lebten die Teilnehmer auf der Strasse, in der Nacht übernachteten sie im Kirchgemeindehaus der Berner Friedenskirche.
20 Franken in zwei Stunden
Zu manchen Beschäftigungen wie Nachtessen, Andacht oder Übernachten traf sich die ganze Gruppe. Den Rest des Tages verbrachten die Teilnehmer alleine. Manche suchten in dieser Zeit das Gespräch mit Obdachlosen oder Passanten. Andere nutzten die freie Zeit, um sich ihr Essen zu erbetteln. Sie habe aber nicht den ganzen Tag gebettelt, sagt eine 31-jährige Teilnehmerin, die im realen Leben als Therapeutin arbeitet. Nur so lange, bis sie genug Geld für ihr Essen zusammenhatte. Zwanzig Franken in zwei Stunden zu erbetteln, sei möglich gewesen, sagt sie.
Ein Teilnehmer mit abgeschlossenem Theologiestudium hat sich für die Woche auf der Strasse zwei Kartonschilder gebastelt. Auf dem einen fragte er nach einem Kaffee, auf dem anderen nach Geld für Bier. Mehr Erfolg habe er mit der provokativen Variante gehabt. Immerhin sei er ehrlich, hätten ihm viele Passanten gesagt.
Bettler oder Schauspieler?
Einer, der sich beruflich mit Obdachlosen beschäftigt, sieht das Experiment der Gruppe zwiespältig. «Wenn solche Projekte häufiger werden und immer mehr Leute daran teilnehmen, finde ich es problematisch», sagt Silvio Flückiger, Leiter des Pinto-Teams. Die Bevölkerung wisse dann nicht mehr, ob jemand ein Bettler sei oder nur einen spiele.
Die Gruppe um Pfarrer Patrick Schwarzenbach zieht nach der Woche auf Berns Strassen ein positives Fazit. «Die Berner sind menschlich und haben ein grosses Herz», sagt er. Den Betrag, den sie erbettelt haben, wollen sie einer gemeinnützigen Institution spenden.(Berner Zeitung)
Erstellt: 12.10.2013, 16:42 Uhr
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